Wie ich zum Schreiben kam


“There is no shame in failure – if you have given it an honest effort.” (Ron Swanson, Parcs and Recreation)

Vor zehn Jahren saß ich in einem kleinen Appartement in der Clemensstraße in Schwabing und hatte mir fest zum Ziel gesetzt, mich an der Hochschule für Film und Fernsehen in München für den Studiengang „Drehbuch“ zu bewerben. Einige Mythen rankten sich damals schon um die Hochschule, die zugegebenermaßen auch großartige Talente hervorgebracht hat. Nur die besten und kreativsten kommen dorthin! Das Auswahlverfahren ist megahart! Das schaffst du eh nicht! Mit diesen Gedanken saß ich an einem winzigen Sekretär und hämmerte in die Tasten meines alten Laptops. D

Wie alles begann

Ich schreibe, seitdem ich klein bin. Erst neulich hat mir meine Mutter wie beiläufig erzählt, dass ich als Kind schon kleine Geschichten auf Zettelchen geschrieben und sie überall in der Wohnung versteckt hatte. Am wohlsten fühlte ich mich, wenn ich irgendwo in einer Ecke lesen konnte und in Ruhe gelassen wurde, und samstags auf dem Flohmarkt war ich nicht an Puppen, sondern eher an Secondhand-Kinderbüchern interessiert.

Mit 11 hatte ich eines Abends eine unerhörte Erkenntnis, die mich so tief traf, dass ich all meinen Mut zusammennahm, in das Wohnzimmer stapfte, wo meine Eltern gerade türkische Telenovelas ansahen (ich weiß jetzt, glaube ich, woher mein Hang zur Melodramatik kommt) und verkündete ihnen mit stolz geschwellter Brust: Ich werde später Schriftstellerin werden.

Aufstieg und Fall eines Traums

Leider fiel die Reaktion nicht wie erwünscht aus, taten sich meine Eltern grundsätzlich schwer, als hart schuftende Gastarbeitergeneration Schreiben als Broterwerb anzuerkennen. So war ihnen gleich klar, dass ich verrückt geworden war und eines Tages unter der Brücke landen würde, was sie mir unmissverständlich klarmachten. Irgendwie warte ich tatsächlich heute noch darauf, dass dies eintritt, obwohl (noch) nichts darauf schließen lässt…

Mit 13 bewarb ich mich zum ersten Mal beim Brigitte Kurzgeschichten-Wettbewerb, mit einer, wie soll ich sagen, sehr herzergreifenden Familiengeschichte. Genauer kann ich mich leider nicht mehr an den Inhalt erinnern, doch eines sei gewiss: An Emotionen hat es dieser Story nicht gefehlt… Sie muss tatsächlich berührt haben, denn die Redaktion schrieb mir einen unglaublich lieben Brief zurück (handschriftlich!!!), wie sehr sie sich über meine Teilnahme gefreut hätten, aber leider hätte es (natürlich!) nicht für den Wettbewerb ausgereicht.

Ich wünschte, ich hätte beides, Geschichte und Brief aufbewahrt. Doch das Gefühl blieb. Das Gefühl, dass dies meine Bestimmung war.

Mit 14 schrieb ich für ein Buchprojekt an meiner Schule eine erneut sehr tiefgründige und erschütternde Kurzgeschichte über zwei Schwestern, wobei die ältere durch eine unglückliche und ungewollte Verkettung von Umständen mit Schuld am (leider gewaltsamen) Tod ihrer kleinen Schwester trug. Ich weiß nicht, was meine Deutschlehrerin davon gehalten hat, aber eines war klar: Wenn ich nicht eh schon der Außenseiter in meiner Klasse an der Mädchenschule war, war ich es spätestens jetzt. Denn neben all den lieben, aufmunternden Geschichten über kleine Mädchen und ihre besten Freunde (Hund oder Pony) sah meine etwas beunruhigend aus.

Scheitern, bevor es überhaupt losgeht

Da saß ich also, Mitte 20, bestärkt durch meinen damals besten Freund, der bereits an der HFF studierte, es einfach zu versuchen. Ich schrieb eine Kurzgeschichte über zwei Prostituierte, ein Exposé für einen Dokumentarfilm über einen ehemaligen bayerischen Polizisten, der ausstieg, um Förster zu werden (ein Bekannter von mir) und eine Spielfilmidee über eine Deutschtürkin, die – an chronischer Schlaflosigkeit leidend – ins Istanbul ihrer Eltern reist, um sich selbst zu finden und Freundschaft mit einem obdachlosen Jungen zu schließen.

Um kurz vor 23 Uhr war ich fertig, hatte knappe zwei Schachteln Zigaretten geraucht und war ziemlich stolz auf meine Bewerbung, auch wenn diese wieder einmal auf den letzten Drücker geschrieben wurde. Damals haperte es mir ziemlich an Disziplin, was ich heute, gottseidank in meinem Beruf als Texterin und Autorin abgelegt habe (und musste).

Eine Stunde Zeit, um das Kuvert in den Briefkasten an der HFF zu werfen. Diese eine Stunde war gefühlt die längste meines Lebens. Rauchend saß ich immer noch am Tisch und sah den Zeigern auf der Uhr zu, wie sie sich qualvoll in Richtung Mitternacht bewegten. Alle Zweifel und Unsicherheiten schossen hoch und ich war mir sicher, dass das, was ich produziert hatte, einfach nur eine große Blamage sein MUSSTE. Nicht gut genug. Erinnere dich, Sinem, mit Schreiben kann man kein Geld verdienen. Geh was NORMALES studieren. Deine Eltern hatten Recht.

Um Viertel vor 12 war mir klar, dass ich nicht den Mut aufbringen würde, meine Bewerbung abzugeben. Enttäuscht, aber auch irgendwie erleichtert, dass ich mich mit meiner Schreibe nicht der Öffentlichkeit zeigen musste, ging ich schlafen, zog die Decke über den Kopf und sollte nicht ahnen, dass ich zehn Jahre Schreibblockade und ein Kind später durch eine andere Tür gehen würde.

Coming Soon: Im nächsten Teil erzähle ich darüber, wie ich ein Jahrzehnt später trotz aller Befürchtungen einen erneuten Versuch startete und warum mir Florian David Fitz Panikattacken bescherte.

3 Kommentare zu „Wie ich zum Schreiben kam

    1. Ja, leider:( Aber wer weiß, wozu es gut war. Ob es uns erst zu dem gemacht hat, wer wir heute sind? Ich fühle mit kleinen Kindern, die so abgefertigt werden. Am liebsten würde ich ihnen dann sagen: Alles wird gut! Du wirst vielleicht einen laaaangen Umweg machen, aber es wird sich lohnen!

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