Zehn Jahre später

Ich tat das nächste Jahrzehnt vieles, aber um etwas ganz Wichtiges machte ich einen riesigen Bogen: Schreiben.

Ich studierte Sprachen (was mich zugegebenermaßen furchtbar langweilte, daher war ich relativ selten an der Uni😊) und fing an, als Deutschlehrerin zu arbeiten (was mir enorm Spaß machte). In dieser Zeit bekam ich auch meinen Sohn und hatte nebenher weder Zeit noch Energie, meinen Lebenstraum zu verwirklichen. Den hatte ich irgendwo tief im Hinterkopf geparkt und hin und wieder kam eine blasse Erinnerung daran hoch, was ich mir so viele Jahre sehnsüchtig gewünscht hatte. Zudem tauchten neue, ungewohnte Bedürfnisse auf: finanzielle Sicherheit, meinem Kind ein Nest bauen und mein Ich ein wenig hintenanstellen. In dieser Zeit überfiel mich bereits das schleichende Gefühl, dass meine Beziehung mich unglücklich machte und von einer zunehmenden Lieblosigkeit geprägt war. Allerdings konnte ich mich nicht davon lösen, vielleicht auch, weil es nicht mehr nur mich betraf, sondern auch mein Kind. Immer mehr hatte ich das Gefühl, das Leben einer Fremden zu leben und sehr weit weg von mir selbst zu sein, in einer Hülle zu stecken und die Außenwelt nur noch als gedämpfte Geräuschkulisse wahrzunehmen. Dieses Gefühl verfolgte mich und ließ in mir eine Filmidee heranreifen, welche ich notierte und abspeicherte, nichtahnend, dass ich sie später noch brauchen würde. Schließlich war ich so unglücklich, dass ich (ziemlich verunsichert) einer inneren Eingebung folgte und das tat, was mir früher geholfen hatte, wenn ich mich einsam fühlte: Schreiben, schreiben, schreiben. Durch das viele Vorlesen hatte sich eine kleine Geschichte in meinem Kopf geformt, die immer lauter wurde und danach drängte, aufgeschrieben zu werden. Auch wenn ich es nie geplant hatte: Ich schrieb also mein erstes Kinderbuch.


Die Idee war nett, aber die Umsetzung grottenschlecht. Der Text war viel zu pädagogisch geschrieben und schwerfällig – dennoch musste ich mich Tag für Tag an den Tisch setzen und irgendwas schreiben, auch wenn es mir selbst überhaupt nicht gefiel. Durch eine Bekannte hatte ich einen Kontakt zu einem Kinderbuchverlag in München und ich machte den ersten großen Fehler, den man als angehender Autor unbedingt vermeiden sollte:



Wen du selbst das Gefühl hast, dein Buch ist noch nicht soweit, schick es noch nicht ab!
 

Ich tat es dennoch und erhielt natürlich eine Absage. Zu pädagogisch geschrieben, zu viel Text.

Das war ein Reinfall, aber der Mut verließ mich deswegen trotzdem nicht. Ich bastelte weiter und verwarf die Geschichte dreimal komplett, bis daraus etwas ganz Neues entstand, womit ich selbst nicht gerechnet hätte. Die kleine Mutmachgeschichte wirkte diesmal sehr rund und mein Schreibstil hatte sich enorm weiterentwickelt. Nun wollte ich es erneut wissen: Dieses Mal schrieb ich alle Kinderbuchverlage in Deutschland an und schickte ihnen die Geschichte mit einem professionellen Exposé, in der Hoffnung, irgendein Lektor würde Gefallen daran finden. Egal, was nun kommen wollte, ich war bereits sehr stolz auf mich: Im Gegensatz zu meiner kläglichen HFF-Bewerbung zehn Jahre vorher, die nie abgeschickt wurde, hatte ich mich diesmal immerhin getraut und meine Geschichte nicht tief in der Schublade vergraben, aus Angst, sie könnte niemandem gefallen. Was auch immer nun passieren würde, ich konnte mir auf die Schulter klopfen und musste nicht mehr traurig darüber sein, dass der Zweifel gesiegt hatte.

Ich gab die Geschichte auch ein paar Leuten zu lesen und machten den zweiten großen Fehler, den Autoren oft machen:


Ich zeigte sie wahllos Menschen, die Interesse daran zeigten, obwohl mich mein Bauchgefühl bei manchen warnte.

Ein Feedback war besonders schlimm für mich. Ich gehe nicht ins Detail, aber diese Person hatte nicht im Geringsten verstanden, worum es mir bei der Geschichte ging und gab mir das Gefühl, dass das alles großer Mist war. Versteht mich nicht falsch – sie sagte nicht: Das ist totaler Mist und gehört in die Tonne. Nein, die Kritik kam leise und versteckt, aber so, dass ich sie genau verstand. Mit einer Schärfe und Wucht, dass ich erneut daran zweifelte, ob ich überhaupt für das Schreiben gemacht war. Aber ich richtete mich auf und glaubte weiterhin daran, dass mein kleines Büchlein etwas wert war. Es vergingen weitere zwei Jahre und ich nahm meine regelmäßige Schreibpraxis wieder auf, so wie ich es als Jugendliche schon getan hatte. Es fühlte sich herrlich an und ich kam meinem eigentlichen Selbst wieder ein großes Stück näher. In regelmäßigen Abständen trudelten Absagen von den ca. 50 Verlagen, die ich angeschrieben hatte, ein – jedes Mal wurde mir heiß und kalt, wenn ich den Brief oder die E-Mail öffnete und jedes Mal war ich ein klein bisschen enttäuscht und dennoch erleichtert, dass es nicht geklappt hatte. Ich brauchte noch ein Weilchen, um mich an den Gedanken zu gewöhnen, dass mein Lebenstraum in Erfüllung gehen sollte!

In dieser Zeit fragte mich meine Freundin, die beim Film arbeitete, ob ich nicht Lust hätte, ein Drehbuch mit ihr zu schreiben – auf Basis einer Romanvorlage, die wir beide in der Schule gelesen hatten. Ich sagte Ja! Natürlich will ich! Also arbeitete ich und las mich ein und irgendwo im Hinterkopf tauchte der Gedanke an die HFF leise wieder auf. Sollte ich es vielleicht nochmal versuchen? Ich wusste, dass die HFF die Drehbuchwerkstatt anbot und da ich nicht nochmal komplett von vorne studieren wollte und konnte, beschloss ich, mich diesmal für das einjährige Förderprogramm zu bewerben.

Hier ein paar O-Töne aus der Presse über die Drehbuchwerkstatt, die mir schon im Vorfeld Panikattacken bescherten:

„Ob „Good Bye, Lenin“ oder die Serie „Rosenheim Cops“, ob „Solo für Klarinette“ oder „Der Bergdoktor“. Zu einem wichtigen Teil verantwortlich für die Erfolge der Filme und Serien sind Absolventen der Münchner Drehbuchwerkstatt. Von ihnen stammen die Bücher. Nur die besten und vielversprechendsten Bewerber werden in München genommen. Schon vor Aufnahme in die Drehbuchwerkstatt müssen sie beweisen, daß sie schreiben können. Eine Ausbildung dort ist begehrt: bis zu 600 Bewerbungen hat es für die zehn Plätze schon gegeben.

Hunderte versuchen sich jährlich im Drehbuchschreiben, doch 80 Prozent, so schätzt Anna Katharina Engel von der Hochschule für Film und Fernsehen, haben Pech: Ihre Manuskripte seien ohne zündende Ideen, die meisten Autoren würden die Spielregeln des Filmmanuskripts nicht kennen.““Während des Kolloquiums wollen wir die kreative Besessenheit der Bewerber aufspüren“, sagt Klaus Schreyer. Der promovierte Politologe und Professor an der Münchner Hochschule für Fernsehen und Film (HFF) ist einer der beiden Leiter der Münchner Drehbuchwerkstatt.(…) Oscar-Preisträgerin Caroline Link hat bei Schreyer ihre Abschlußarbeit gemacht. Bernd Lichtenberg, der das Drehbuch für „Good Bye, Lenin“ schrieb, wurde als Stipendiat der Drehbuchwerkstatt von Schreyer betreut.“

Florian David Fitz hatte sich mit einem meiner Lieblingsfilme bei der Werkstatt beworben und wurde auch genommen (natürlich!!): Vincent will Meer. Das Drehbuch zum Film war dort entstanden!! Mein Film war erstmal nur eine Idee – eine Ahnung davon, was später vielleicht Realität werden könnte. Aber was wäre, wenn ich es tatsächlich schaffte? Allein der Gedanke daran ließ eigenartige körperliche Symptome bei mir entstehen. Lieber nicht, sagte die bekannte Stimme aus dem Off. Da werden nur wahre Künstler aufgenommen, Leute, denen das Schreiben leicht von der Hand geht und die nicht an allem und jedem zweifeln, so wie du.

Fuck you – dachte ich mir. Du hast gute Ideen, du schreibst jetzt das Exposé für zwei deiner Filme und schickst das Ding diesmal ab – basta. Du hast in der Zwischenzeit ein Kind geboren, Schulbücher veröffentlicht und aufgehört zu rauchen. Dein Leben ist nicht mehr das Gleiche wie vor zehn Jahren und mittlerweile weißt du auch, dass der einzige Weg, seine Angst zu überwinden folgender ist:


Trotzdem machen! Nimm die Angst und geh mit ihr, lass dir von ihr nicht einreden, dass du es nicht schaffen kannst.

Ein paar Monate ließ ich die Bewerbung innerlich wachsen und setzte mich anschließend hin, um das Ding fertigzustellen. Die Gedanken, die ich Monate vorher notiert hatte, formten sich zu einem Ehedrama, dass sich zudem auch mit Aspekten wie Heimatlosigkeit, Entwurzelung und Migration beschäftigte. In meinem Film war am Ende nicht klar, ob die Ehe zum Scheitern verurteilt war. Open End sozusagen.

Was ich in dieser Zeit nicht wusste: Dass mein Ehemann bereits mit seiner Kollegin anbandelte und sich heimlich mit ihr traf. Dass ich in Kürze alles verlieren sollte, woran ich geglaubt hatte und mich in tiefstem Schmerz und schrecklicher Panik einer Auswahl-Kommission von zehn Leuten stellen musste. Wofür ich meinem damaligen Mann dankbar bin: Dass er mir die Hiobsbotschaft nicht beim Schreiben meiner Bewerbung überbracht hatte, sondern damit wartete, bis ich sie abschickte. Immerhin am Tag danach.

Im Nächsten Teil: Die Einladung zum Hauptauswahlverfahren trifft mich wie ein Schlag – anstatt mich auf das Jurygespräch vorbereiten zu können, kämpfe ich mit dem Verlust meiner Familie und der Tatsache, dass ich komplett von vorne beginnen muss.

6 Kommentare zu „Zehn Jahre später

  1. Vielen Dank, dass du deine Gedanken, deine Gefühle und deine Erfahrungen teilst. Denn sich wieder zu trauen, sich selbst zu vertrauen, im Schreiben und im Teilen dessen, kann so heilsam sein und ich hätte dies ohne das Zutrauen meines Bruders sicher nie gewagt.

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe Mathilde,
      vielen Dank für deinen lieben Kommentar! Ich möchte es gerne teilen, weil ich glaube, dass man so auch zu anderen sprechen kann, denen es ähnlich geht. Mir haben andere Autoren immer geholfen, wenn es mal nicht so gut lief….Wie schön, dass dein Bruder dich unterstützt hat!!

      Gefällt 1 Person

Schreibe eine Antwort zu mathildeglaeser Antwort abbrechen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.