Weiterleben

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Kurz nachdem er mir die Nachricht überbracht hatte, ging er.

Mit ihm verabschiedete sich mein Glaube an so ziemlich alles, was mich bisher durchs Leben getragen hatte. Ich konnte es nicht fassen. War ich all die Zeit so blind gewesen? Wie konnte es sein, dass ich nichts bemerkt hatte? Ich erinnerte mich an Abende, als er sich mit seiner Kollegin traf, aber ich hatte mich jedes Mal für ihn gefreut. Neue Freunde, ein Ankommen im Job. Ich ahnte nichts.

Es traf mich mit voller Wucht. Ja, ich hatte mich die letzten Jahre nicht viel um mich selbst gekümmert. Ich war kaum noch aus gewesen und hatte mein Kind immer an erste Stelle gesetzt.

Aber mir war immer klar gewesen, dass eine Liebe das aushalten konnte. Dass es Jahre der Entbehrung gab und wieder aufwärts ging, nachdem der Sturm vorübergezogen war. Nur lag ich mit dieser Theorie in meinem Fall falsch.

Die nächsten Wochen sollte ich erleben, was es hieß, zu trauern.

Du wachst auf mit deiner Trauer, du nimmst sie mit aufs Klo, ihr geht spazieren und abends gemeinsam ins Bett. Anfangs liegt sie wie eine Fremde neben dir und du wunderst dich, woher sie kommt. Du kämpfst gegen sie an und willst sie rausschmeißen. Sie soll abhauen und dich in Ruhe lassen. Aber sie ist geduldig und wartet so lange, bis du bereit bist, mit ihr zusammenzuleben. Bald ist sie kein Eindringling mehr, sondern eine eigenartige Mitbewohnerin, die du schließlich anfängst, zu verteidigen.

Fast schon so, als hätte die Trauer deinen Partner ersetzt. Immerhin machte ich nun alles, was ich zuvor mit ihm erlebt hatte, mit seinem Stellvertreter. Wir kauften zusammen ein und lagen gemeinsam in der Badewanne. Wir gingen auf den Spielplatz und ertappten uns dabei, wie wir verloren in einer Ecke standen und andere Familien dabei beobachteten, wie diese zu dritt wieder heimgingen. Komplett, ohne Verluste. Mama, Papa, Kind. Ich ging nach wie vor auf Spielplätze. Ich wollte, ich musste mich meinen Gefühlen in ihrem ganzen Ausmaß stellen.

Der Familienvater dort drüben, hat er auch eine heimliche Affäre? Weiß seine Frau, wer er wirklich ist? Woher weiß man, wie es im Anderen wirklich aussieht?

Und sie da, die sich gerade angeregt mit ihrer Freundin unterhält. Ahnt sie, was ihr Mann abends macht, wenn er später aus der Arbeit kommt?

Ich schüttelte mich innerlich. Nein, so wollte ich nicht werden. Ich wollte keine verbitterte, alte Jungfer sein, die ihr Leben lang gram darüber war, dass ihr Mann sie eines Tages vor vollendete Tatsachen gestellt hatte.

Alle Rituale, die das menschliche Zusammenleben ausmachten, kamen mir auf einmal grotesk vor. Zusammen Abendessen kochen, das Wochenende planen. Gemeinsam fernsehen und über den Tag sprechen. Banalitäten des Alltags war meilenweit entfernt und gehörte zu einem anderen, früheren Leben.

Zwischen mich und den Rest der Welt schob sich langsam eine unsichtbare Mauer. Ein Wall. Schier unüberwindbar und doch durchsichtig. So, dass ich gerade noch sehen konnte, wie sich das Leben auf der anderen Seite abspielte. Wie die Erde sich weiterdrehte für alle außer mir und nur ich das Gefühl hatte, die Zeit bleibt stehen und der Schmerz hört nie wieder auf.

In meiner Wohnung herrschte Stille. Eindringliche, qualvolle Stille. Ich verbrachte die meisten Tage damit, im Bett zu liegen und melancholische Musik zu hören. Wenn ich konnte, aß ich etwas, aber viel Lust hatte ich nicht dazu. Ich versuchte mit dem Rauchen anzufangen, aber es gelang mir nicht so recht. Ich erledigte gerade das Notwendigste und war froh, wenn ich nach getaner Arbeit wieder meine Wohnungstüre hinter mir schließen konnte und allein war. Mein Sohn blieb öfter auch bei seinem Vater, so gab es einige Tage, an denen nichts in der Wohnung zu hören war, außer mein Atmen und das vertraute Tapsen von Hundepfoten.

In dieser Zeit müssen mich manche Nachbarn für einen Geist gehalten haben. Ich schlich mit verquollenem Gesicht durch die Gegend und war nicht sonderlich gesprächig. Sämtlicher Small Talk strengte mich an. Alltäglichkeit und Normalität interessierten mich nicht mehr. In meinem Leben war nichts mehr normal.

Abends lag ich im Bett und ging immer wieder Situationen durch, die mich hätten stutzig machen müssen. Ich vertraute mir selbst nicht mehr. War ich vielleicht irgendwie dumm? Oder hatte ich keine Menschenkenntnis? Wem konnte ich überhaupt noch vertrauen? Viel mehr als alles andere schmerzte mich der Verlust meiner eigenen Wahrnehmung. Es macht uns doch als Menschen aus, wie wir uns und andere wahrnehmen. Was ist, wenn diese Fähigkeit vorübergehend verschwindet und du in einem luftleeren Raum schwebst? Wenn du dir nicht mehr sicher bist, ob das, was du glaubst zu sehen, wirklich der Realität entspricht?

Ich fand ein großartiges Buch, das mich immer wieder auffing und mir klar machte, dass all meine Empfindungen und Gedanken ganz normal waren und ich nicht auf dem besten Weg war, den Verstand zu verlieren. Immer wieder klammerte ich mich an mein kleines Taschenbuch und nahm es überallhin mit. Stand ich in der U-Bahn und mich überkam das Gefühl von Angst, blätterte ich in meinem Helfer und las die entsprechende Stelle immer wieder:

Über 80 % der Partner, denen so etwas widerfährt, erleben Gefühle von Kontrollverlust, fehlendem Vertrauen in die eigene Wahrnehmung und in sich selbst als Person. Das alles ist vorübergehender Natur und ganz normal. Sie sind nicht verrückt.

Obwohl es in dieser Zeit kaum ein Gefühl von Verlässlichkeit für mich gab, stellte ich fest, dass sich mit mir Schritt für Schritt etwas veränderte. Ich spürte eine neue, und eigenartige Neugier darauf, mich selbst wieder ein bisschen kennenzulernen. Die letzten Jahre hatte ich den Kontakt zu mir fast vollständig verloren und nun blieb mir nichts anderes übrig, als mich mit mir und meinem Leben auseinanderzusetzen. Wer war ich eigentlich gewesen, bevor ich Mutter wurde? Welche Wünsche und Träume hatte ich als Kind und Jugendliche gehabt?

Ich wusste es. Ich wusste, was ich mir schon immer gewünscht hatte und wovor ich nach wie vor weglief. Ein halb angefangener Roman lag in der Schublade und meine Bewerbung an die HFF hatte ich zwar abgeschickt, aber viel erhoffte ich mir nicht davon. Mit meinem Roman steckte ich irgendwie fest. Die Geschichte spielte in England und ich hatte einen triftigen Grund, warum ich nicht weiterschreiben konnte.

Meine Flug- und Reiseangst.

Ich musste eigentlich dringend nach England fliegen und sehr viel recherchieren, mit Imagination und Google Maps allein kam ich nicht weiter. Und da ich seit 17 Jahren kein Flugzeug bestiegen hatte, war mein Traum erst einmal weit, weit weg. Außerdem schien mir die Vorstellung, mich jeden Tag hinzusetzen und weiter daran zu arbeiten, unendlich mühsam zu diesem Zeitpunkt. Überhaupt war das Schreiben nichts, was mir in dieser Zeit Lust machte.

Stück für Stück jedoch begann ich, mich wieder ins Leben zu wagen. Stundenlang spazierte ich durch die Gegend und stellte mittendrin sogar fest, dass ich mich noch nie zuvor dem Leben so nah gefühlt hatte. Obwohl der Schmerz in meiner Brust so tief saß und ich mich sehr einsam fühlte, durchdrang mich auf meinen Spaziergängen oft ein Gefühl von tiefer Verbundenheit mit dem, was war und dem, was noch kommen sollte.  (Und ja, das sollte einiges sein😊)

Wenn man von anderen Menschen liest, denen Schreckliches widerfahren ist, welcher Schicksalsschlag das auch immer sein mag, erzählen Betroffene häufig davon, dass sie zwar einmal durch die Hölle und wieder zurückmussten, danach aber eine unheimliche Stärke und Selbstliebe bei sich feststellen konnten. So ging es mir auch. Obwohl ich noch nie so viele Tränen geweint und so viele Schmerzen durchlitten hatte, fühlte ich mich stärker als je zuvor. Jeden Tag, den ich aufwachte, wusste ich, dass ich das überleben würde. Anfangs schien der Riesenberg an Emotionen unüberwindbar und oft überfiel mich die Angst, dass es nie enden würde. Doch was mir immer half, war dieser eine Satz:

Jedes Gefühl endet irgendwann, nichts ist für immer.

Und es stimmte tatsächlich. Wenn ich morgens noch das Gefühl hatte, der Verlust und der Schmerz seien unerträglich, so konnte ich am Abend sogar einen Film schauen und dabei lachen. Ich fing wieder an, mein Essen zu genießen und mich mit Freunden zu treffen.

Wochen später saß ich vormittags im Café und textete vor mich hin. Ich war froh, dass ich Arbeit hatte, die mich ablenkte und dass in dem Coworking-Café immer jemand war, den ich kannte und mit dem ich mich hin und wieder unterhalten konnte.

Als ich gerade vertieft über meinem PC saß, ploppte auf einmal eine E- Mail auf.

Absender: Filmhochschule München, Abteilung Drehbuch. Betreff: Hauptauswahlverfahren

Mein Herz setzte einen Moment lang aus. Das war die Absage. Macht nichts, dachte ich mir, du hast in den letzten Monaten Schlimmeres überstanden. Ich war immer noch stolz auf mich, dass ich mich überhaupt rausgewagt hatte mit meinen Ideen.

Ich klickte vorsichtig auf die E-Mail und konnte meinen Augen nicht glauben:

Sie sind zur Hauptauswahl eingeladen. Nach der Hauptauswahl findet eine Entscheidung statt, die Ihnen zügig mitgeteilt wird.  Die Hauptauswahl besteht aus einem 20-minütigen Gespräch mit der Fachkommission.

Mir schossen die Tränen in die Augen. Ich blickte rüber zu meinem Kollegen und flüsterte:

Ich wurde eingeladen.

So sehr ich die letzten Monate daran gezweifelt hatte, dass das Universum mich vielleicht nicht mehr mochte, so unendlich dankbar war ich über diese Nachricht. Zehn Jahre Zweifel und Bangen und es hatte tatsächlich nur einen mutigen Schritt gebraucht, um etwas in Gang zu setzen.

Dieser Tag war der erste seit Monaten, wo ich mich ein bisschen getragen fühlte und wusste, dass es das Leben auch gut mit mir meinte.

Im nächsten Teil: Das Hauptauswahlverfahren rückt näher und mit diesem Tag die alte Angst, es nicht zu schaffen. Werde ich mich der Jury stellen und einen Plot verteidigen, der in unheimlicher Weise in meine eigene Zukunft blickte?


2 Kommentare zu „Weiterleben

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